"Briefe nicht über die Liebe"
Videoessay für Splitscreen nach dem Berlin-Roman „ZOO oder Briefe nicht über die Liebe“ (1923) des sowjetischen Autors Viktor Schklowski, Deutschland 2006, DigiBeta, Farbe, Stereo, 4:3

Tesla im Podewils´schen Palais, Kubus, Klosterstr. 68-70, 10179 Berlin-Mitte, www.tesla-berlin.de
Freitag, 6.1.2006, 20.30 Uhr (Dt. Fassung) 21.30 Uhr (Russ. Fassung)

Buch und Regie: Bernhard Sallmann
Kamera: Alexander Gheorghiu / Ton: Johannes Schmelzer-Ziringer / Zusätzliche Tonaufnahmen: Anette Rose, Bettina Bartzen / Tonmischung: Urs Hauck / Montage: Christoph Krüger / Grafik: Florian Hildmann / Deutsche Übersetzung: Alexej Khairetdinov / Sprecherin: Olga Prolygina / Sprecher: Fritz Mierau, Alexej Khairetdinov, Sergij Antonov, Vjaceslav Stil, Aleksandr Kahadski, Andrej Khabarov, Andrei Loginov, Nikolai Kosenko, Zakhar Ishov, Viktor Kirushin, Kirill Romanovskiy, Michael Michelew, Aleksej Nesterow

„Ich denke ziemlich oft an Viktor Schklowski [...] Ich denke an ihn als den Schriftsteller neuen Typs. Er hat die Anlagen dazu. [...] Viktor Schklowski nahm seine nackten Menschenhände als Sprachrohr, weil er gerade kein anderes Material zur Hand hatte. [...] Als Beimischung diente die Scharfsinnigkeit. Schklowski ist ein Mann von Scharfsinn – bestechend und sehr traditionell. [...] Der Mann von Scharfsinn schont seine Sache nicht: Ihm liegt daran, in seiner Sache selbst vorzukommen, seine Beziehung zu ihr geht ihm über alles. Genau das heißt Sentimentalismus, und alle wirklichen Sentimentalisten waren scharfsinnige Leute.“ Juri Tynjanow „Ich denke ziemlich oft an Viktor Schklowski...“(1928)

Der sowjetische Autor, Literatur-, Filmtheoretiker, Szenarist für das Kino, Essayist und Kritiker Viktor Schklowski (1893-1984) war einer der Mitbegründer der Formalen Methode in der Literaturwissenschaft. Er lebte 1922/23 mit etwa 300 000 RussInnen in der Berliner Emigration. Dort verfaßte er das Buch „ZOO oder Briefe nicht über die Liebe“.

In ZOO wechseln sich das liebende Autoren-Ich und die es nicht liebende Alia Briefe. Vom Leitthema des NICHT/LIEBESDISKURSES werden alle weiteren Themen entfaltet: Stadtwahrnehmung, der fremde Russe in Berlin, der kulturelle und alltagssoziologische Vergleich, ästhetische und literaturwissenschaftliche Debatten. Dauernd werden die Schreibstrategien gebrochen und wie in einer musikalischen Formensprache kehren die Topoi wieder (etwa die gußeisernen Yorckbrücken). Nach verschiedenen Navigationen durch Berlin endet das Buch mit der Bitte, in die Sowjetunion zurückkehren zu dürfen.

Bernhard Sallmann wählt aus dem Briefroman Stellen für sein Videoessay für Splitscreen aus, die von in Berlin lebenden RussInnen in deutsch und russisch gelesen werden. Die Texte aus den 20er Jahren werden nicht mit einzelnen die Leinwand füllenden Bildern aus dem heutigen Berlin verbunden, sondern begegnen einem sich variierenden Feld verkleinerter Bilder, um einen Erinnerungsspalt und Formen der Ent- und Verfremdung aufzutun. Texteinschübe, die in der grafischen Gestaltung eine Auseinandersetzung mit der Plakatästhetik und den Stummfilmzwischentiteln der damaligen Zeit darstellen, leiten die Lektüren ein. Und Bilder schließlich, die die gesamte Leinwand füllen, jedoch in ihrer Komposition oftfach Teilungen aufweisen, sind die Navigationspunkte für die Lektüren. Farbdramaturgisch vertraut die Videoarbeit auf das Rot als Protagonisten. Bewegungsdramaturgisch auf die in der Stadt sich befindenden Autos und die Rotation des Reifens.

Die SCHKLOWSKITAGUNG wird sich dem weitgehend in Vergessenheit geratenen Autor annehmen und neben einer Lesung aus dem Buch „ZOO oder Briefe nicht über die Liebe“ mehrere Fachvorträge anbieten.

"SCHKLOWSKITAGUNG"
Konzept: Hartmut Fischer/Dr. Andreas Hofbauer/Bernhard Sallmann

Tesla im Podewils´schen Palais, Klub
Samstag, 7.1.2006, 15.00 bis 19 Uhr

Hartmut Fischer: Lesung aus „ZOO oder Briefe nicht über die Liebe“(1923) von Viktor Schklowski

Fritz Mierau: Glanz und Ohnmacht des Scharfsinns. Notizen zum Arbeitskonzept Viktor Schklowskis
[Mierau geht von dem Satz in Schklowskis Buch „Rösselsprung“ aus: „In Rußland ist alles so widersprüchlich, daß wir alle nolens volens scharfsinnig geworden sind.“ Daran knüpft er einige Bemerkungen zu Schklowskis Umgang mit den eigenen Büchern (etwa 3-4 Fassungen von „ZOO“) und den ehemaligen Freunden (etwa Roman Jakobson).]

Alexej Khairetdinov: Beckett, Schklowski, Verfremdung
[Khairetdinov geht in seinem Vortrag auf die sprachlichen Momente der Verfremdung ein: Schklowskis „ZOO“ und Becketts „Erste Liebe“ sollen auf die Abberationen der Rede hin nebeneinander betrachtet werden. Ist Verfremdung die Perspektive des Verliebten?]

Martin Chalmers: Viktor Schklowski im englischsprachigen Raum
[Die Schklowskirezeption im englischsprachigen Raum war zuerst ein Aspekt der (Wieder)Entdeckung einer revolutionären Kunsttheorie. Sie vollzog sich in 2 Stadien: 1. Archäologie der Revolutionszeit und 20er Jahre 2. Weiterentwicklung der Rezeption in der Zeit der Dominanz des poststrukturalistischen Marxismus. Das Referat schließt damit, wie in den jeweiligen Rezeptionen Schklowski als Nebenerscheinung wahrgenommen wurde]

Andreas Hofbauer: Topologie und Psychogeografie in Viktor Schklowskis „ZOO oder Briefe nicht über die Liebe“
[Zwischen den mittlerweile akademischen gängigen Topoi vom „mapping of culture“ und der Begeisterung fürs gefällig Urbane tut sich tatsächlich etwas auf, das man „hybriden Gedächtnisraum“ nennen kann. Zwischen Re- und Deterritorialisierung (Deleuze/Guattari) affizieren diese beinahe nicht existierenden Spuren eine de-lirierende Rede. Zuweilen wurde diese in Briefform gegossen. Ein mögliches Antwortschreiben soll verschriftlicht werden und als Flaschenpost retourniert.]

Volker Pantenburg: Schklowski, der Film, die Medien
[Eine der produktivsten Eigenschaften Viktor Schklowskis ist seine Renitenz gegenüber vorgestanzten Kategorien. Indem er die vermeintlichen Grenzen zwischen Literatur und Wissenschaft, zwischen Theorie und Praxis, zwischen Assoziation und regelhafter Analyse mutwillig überschreitet, geraten nicht nur seine Texte, sondern auch der verlässliche Kategorienapparat in Bewegung. Die Aufmerksamkeit für Formen des Verkehrs, der Kommunikation und der Vermittlung machen aus Schklowski einen unorthodoxen Medienwissenschaftler, der sich neben der Literatur vor allem dem Film widmete: nach der Rückkehr aus Berlin als Verantwortlicher für den Umschnitt ausländischer Filme, dann auch als Drehbuchautor und Mitarbeiter Kuleschows, Rooms oder Turins. Schklowskis Arbeit mit, an und über Film möchte Pantenburg als Öffnung des medialen Feldes beschreiben, die Mitte der Zwanziger Jahre zu einem Zeitpunkt einsetzte, an dem etwa die zähe und unproduktive Trennung zwischen Spiel- und Dokumentarfilm noch nicht beschlossen schien.]

Abschlußplenum mit den Referenten und Bernhard Sallmann

Während der Tagung wird im Foyer abwechselnd die deutsche und russische Fassung des Videoessays für Splitscreen BRIEFE NICHT ÜBER DIE LIEBE von Bernhard Sallmann vorgeführt.

ADDENDA:
Viktor Schklowski wurde 1893 in Petersburg geboren und starb 1984 in Moskau. In den 10er und 20er Jahren des letzten Jahrhunderts war er einer der Begründer der Formalen Methode in den Literaturwissenschaften, die im OPOJAS, der Gesellschaft zum Studium der poetischen Sprache, organisiert war. Bedeutsam ist seine erste Publikation „Die Erweckung des Wortes“ (1914). Neben den literaturtheoretischen Texten arbeitete er an autobiografischen Büchern: Sentimentale Reise (1923), ZOO oder Briefe nicht über die Liebe (1923), Dritte Fabrik (1926). In der zweiten Hälfte der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts arbeitet er in verschiedener Funktion für den Film und schreibt u. a. Drehbücher für die Stummfilme NACH DEM GESETZ (1926, Regie: Lew Kuleschow) und DRITTE KLEINBÜRGERSTRASSE (1927, Regie: Abram Room). 1940 erscheint das umstrittene Buch „Über Majakowski“. In den 60er Jahren die große Studie „Lew Tolstoi“ und in den 70er Jahren die Romanbiographie „Eisenstein“.

Der Regisseur Bernhard Sallmann wurde 1967 in Linz/Österreich geboren und lebt seit 1988 in Berlin. Er studierte zuerst Publizistik, Germanistik und Soziologie in Salzburg und Berlin, danach Film- und Fernsehregie in Potsdam-Babelsberg.
Film- und Videoarbeiten (zuletzt): Die Lausitz 20X90 (2004), Die Freiheit der Bäume (2003), 400 Km Brandenburg (2002), Berlin-Neukölln (2001)

WEITERE AUFFÜHRUNGEN
„Briefe nicht über die Liebe“
Kino Krokodil – Kino für russischen Film
Greifenhagener Str. 32, 10437 Berlin, Tel. 030-44049298, HYPERLINK "http://www.kino-krokodil.de" www.kino-krokodil.de
S-Bahn „Schönhauser Allee“

Mi, 18.1.06, 20.30 Uhr - In Anwesenheit des Regisseurs Bernhard Sallmann –
Mo, 23.1.06, 19.00 Uhr
Di, 24.1.06, 19.00 Uhr – Russische Sprachfassung –
Mi, 25.1.06, 19.00 Uhr